Der Weg der Töne. Wie wir Musik festhalten und unvergänglich machen.
Vom ersten Klang Édouard-Léon Scott de Martinvilles über Edisons Phonographen bis zur modernen HiFi-Technik spannt sich ein weiter Bogen der Tonaufzeichnung. Die Entwicklung führte von Wachswalzen und Schellack über Vinyl zu digitalen Formaten – ein Weg, der im Deutschen Schallplattenmuseum Nortorf anschaulich nachzuvollziehen ist.
Nehmen wir ein Gemälde. Ich kann es hervorholen und betrachten. In aller Ruhe, ohne Zeitbeschränkung und immer wieder, wann es mir gefällt.
Ganz anders aber die Musik. Die Musik bleibt nicht stehen, wenn wir sie genießen. Die Zeit ist ein Teil des Wesens der Musik. Es gibt einen Anfang und ein Ende, eine Dauer, verschiedene Tempi und Lautstärken, ein An- und Abschwellen, Klingen und Verklingen.
Diese Unstetigkeit und Vergänglichkeit war die Ursache dafür, dass es rund 3000 Jahre gedauert hat, bis ein Menschheitstraum in Erfüllung gehen konnte: flüchtige Klänge festzuhalten. Sprache und Musik haben seit jeher Faszination auf den hörenden Menschen ausgeübt. Bereits frühe chinesische Gelehrte versuchten, diese rätselhafte Erscheinung zu verstehen und – so gut es ging – zu dokumentieren.
Doch erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts fanden Erfinder Wege, Schall nicht nur zu messen oder sichtbar zu machen, sondern ihn so festzuhalten, dass man ihn später wieder abrufen konnte. Der Weg zu den ersten Sprechmaschinen, Walzenspielern, Phonographen und Grammophonen begann mit einer Reihe mutiger Visionäre.
Im Jahr 1857 gelang dem Franzosen Édouard-Léon Scott de Martinville der erste große Schritt: Er entwickelte den Phonautographen – ein Gerät, das die Schwingungen der Luft als feine Linien auf rußgeschwärztem Papier sichtbar machte. Dieses Papier war auf eine Walze gespannt, vor der ein Schalltrichter mit einer Membran angebracht war. Wenn Scott in den Trichter sprach, versetzte die Membran eine daran befestigte Schweinsborste in Schwingung, die den Ruß fein aufkratzte. So entstanden die sogenannten „Phonautogramme“, die ersten sichtbaren Tonspuren überhaupt – reine Schriftzüge des Klangs, geschaffen zu einer Zeit, in der noch niemand wusste, wie man diese Linien wieder in hörbare Schwingungen zurückverwandeln könnte.
Sein bekanntestes Werk ist eine Aufnahme des Liedes „Au clair de la lune“ aus dem Jahr 1860, die heute als die älteste bekannte Tonaufnahme der Welt gilt. Erst 2008 gelang es Forschern, diese fragile Spur des 19. Jahrhunderts digital zu entziffern und wieder hörbar zu machen – eine leise, zittrige Stimme aus einer längst vergangenen Zeit.
Neben Scott gab es weitere frühe Tüftler. Manche wollten sogar sprechende Maschinen bauen – so etwa Uhrmacher, die daran arbeiteten, die Zeit mit menschlicher Stimme ansagen zu lassen. Und in den Jahren vor Edison experimentierten Erfinder wie Charles Cros mit Konzepten, die Schall nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar machen sollten. Cros hatte die richtige Idee – eine „sprechende Walze“ –, doch er veröffentlichte sie nur theoretisch und setzte sie nicht praktisch um.
1877 stellte Thomas Alva Edison dann einen funktionsfähigen Phonographen vor, der Schwingungen sowohl aufzeichnen als auch wiedergeben konnte. An der Umsetzung war maßgeblich der schweizerisch-amerikanische Uhrmacher John Kruesi beteiligt, der nach Edisons Skizzen das erste Modell anfertigte. Die ersten Worte, mit denen der neue Apparat getestet wurde, waren einfache Wiederholungen – „One time, two times …“ –, doch berühmt wurde schließlich der Vorführsatz:
„Mary had a little lamb.“
Ein Meilenstein der Technikgeschichte!
Von der Wachswalze zur Schellackplatte, von dort zur Stereo-Vinyl-Schallplatte und schließlich zu digitalen Verfahren – die folgenden 150 Jahre sahen eine Entwicklung, die ihresgleichen sucht. Die Reise führte vom rein mechanischen Edison-Phonographen über elektromechanische Grammophone bis hin zum hochwertigen HiFi-Schallplattenspieler mit Magnettonabnehmer und präzisem Verstärkersystem. Mit CD, mp3 und später Streaming Media wurde Musik zu einem jederzeit abrufbaren Begleiter des Alltags. Heute scheint Musik fast ortlos, grenzenlos – allgegenwärtig und unerschöpflich.
Doch was machte diesen Weg so lang und so schwierig? Aus Sicht der Physik ist Musik nichts anderes als feine Schwingungen der Luft, die sich im Raum ausbreiten und vom Ohr aufgenommen werden. Die technische Herausforderung bestand darin, diese Schwingungen zu erfassen, zu formen, festzuhalten und wieder abrufbar zu machen – ohne die lebendige Struktur des Klangs zu zerstören.
Wie dieser Weg der Töne – von den ersten Phonographen Edisons bis zu modernsten HiFi-Anlage – und wie es schließlich in Nortorf bei Kiel weiterging, in der Schallplattenfabrikation der TELDEC, wo bis 1987 rund 850 Millionen Schallplatten entstanden, das können Sie im Deutschen Schallplattenmuseum Nortorf erleben.
Dort wird Technikgeschichte lebendig: von den ersten Tonspuren bis zur industriellen Fertigung von Vinyl. Und bei speziell vorbereiteten Führungen für Schulklassen werden zudem einfache Experimentierstationen aufgebaut, die jungen Besucherinnen und Besuchern auf anschauliche Weise vermitteln, wie erstaunlich es ist, dass wir das Flüchtige – Klang, Stimme, Musik – überhaupt festhalten konnten.
Copyright-Hinweis:
- Edison Home Phonograph – Baujahr 1906 / Foto: Thomas Perkuhn
Lizenzhinweise für PDF-Dateien, Foto- und Audioaufnahmen:
- Édouard-Léon Scott de Martinville – Aufnahmen als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons.
„Au clair de la lune“ – 2008 von David Giovannoni und Team bei FirstSounds digitalisiert (firstsounds.org). - Thomas Edison – Levin C. Handy (per http://hdl.loc.gov/loc.pnp/cwpbh.04326), Edison and phonograph edit1, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
„Mary had a little lamb“, Aufnahme 1877, digitalisiert von Wikimedia Commons, gemeinfrei in Deutschland. - FirstSounds-Faksimile-Dokumente auf Englisch:
„Faksimile 01: Scott-de-Martinville – Notizen & Skizzen“ und
„Faksimile 02: Scott-de-Martinville – Phonautogramme“
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Quelle: FirstSounds – www.firstsounds.org
Es wurden keine Veränderungen an den Originaldokumenten vorgenommen.